Der Dienstagabend-Rant

Wären wir hier in Amerika müsste ich mich wahrscheinlich lang und breit über das was jetzt kommt entschuldigen. Aber ich bin es leid.

Dass ich offensichtlich mit einem „bitte ansprechen“ Schriftzug auf der Stirn geboren wurde, habe ich ja schon mitbekommen. Aber warum, sind es immer die Mitglieder einer ganz bestimmten Religionsgemeinschaft, die es auf mich abgesehen haben?

Noch nie in meinem ganzen Leben wurde ich auf der Straße von tiefgläubigen Muslimen, Juden, Hindi oder gar Buddhisten angesprochen, die mir ihre Religion verkaufen wollten. Warum also die Christen? Warum zeigen Christen diesen Eifer?
Es ist völlig egal welche Untergruppierung dieser Sekte es gerade in der Stadt gibt. Sämtliche Methodisten, Baptisten, Mormonen und Zeugen Jehovas habe es schon bei mir probiert.

Heute waren es die Mormonen. Versteht mich nicht falsch, jeder soll glauben, was er will, an was er will. Es ist schön wenn euer Leben dadurch Sinn gewinnt. Ich bin Atheist. Und das ist nicht nur ein Spruch. Auch ich hatte meinen Flirt mit Gott. Mit 7 oder 8 Jahren im evangelischen Religionsunterricht. Den Unterricht mochte ich, meine Lehrerin Frau Steinbach auch. Nur meine Urgroßmutter, die mich folglich gleich missionieren wollte, hat mir den Rest gegeben. Ich liebe (alte) Kirchen, aber nicht als Gottes Häuser, sondern weil ich mich für Geschichte interessiere.
Ich möchte einfach nicht auf der Straße angesprochen werden. Generell nicht. Ich kaufe nichts an der Haustür oder auf der Straße. Also lasst mich in Ruhe. Denn meine Eltern haben mich leider als höflichen Menschen erzogen. Wenn ich also, wie heute, stehenbleibe, hat das nicht unbedingt was mit Interesse zu tun, sondern mit schierer Höflichkeit. Da standen wir also. Zwei sehr junge, männliche, amerikanische Mormonen. Sehr gut gekleidet, mit ausgezeichnetem Deutsch und fragten mich nach dem Sinn des Lebens. Ich gebe zu, hätte ich sie als religöse Fanatiker sofort erkannt, wäre ich schneller weggekommen. Eigentlich dachte ich sie wären Studenten, hätten sich verlaufen und wären auf typisch amerikanische Art kontaktfreudiger als Deutsche. Ich sah es Ihnen nach. Sie waren jung, sahen harmlos aus (und hatten offensichtlich noch nie eine Frau nackt gesehen – ich war nicht nackt). Trotzdem fragten sie mich nach meiner Telefonnummer und ob wir uns am Sonntag nicht mal zum Plausch treffen wollen. Trotz meiner Verweise ich bin Atheist, wie alle anderen in meiner Familie. Ich war höflich und nett und habe sie nicht runtermacht. Und nachdem ich ihnen klar machte, dass ich auch daran nichts zu ändern gedenke, zeitgleich ein Regenguss einsetze, zogen sie ab. Um es mal metaphysisch auszudrücken – da hat mich regentechnisch wohl jemand vom Übel erlöst.
Die Jungs waren nett und irgendwie auch beeindruckend. Die schwatzen manchen Leute bestimmt einen zweiten Bauchnabel auf! Und das ist einer Fremdsprache!

Aber warum, liebe Mitglieder christlicher Minderheiten, macht ihr sowas?

Nicht mal die Katholiken oder die Standard-Evangelen nerven so. Gut, die habe es vielleicht aufgrund ihrer noch vorhandenen Mitgliederzahlen nicht nötig Leute auf der Straße abzupassen.
Ich verstehe diesen Eifer einfach nicht.
Die Hälfte meiner Kollegen sind zahlenden Mitglieder in Gottes Fanclub. Alle evangelisch. Für einen Betrieb im Osten eigentlich kein schlechter Schnitt. Die Hälfte wiederum davon ohne wirklich an ihren eigenen Gott zu glauben. Aber sie gehen gerne in die Kirche, sagen sie alle. Wann? An Weihnachten? Vielleicht. Oh je, teuer bezahlt durch Kirchensteuer. Jedoch eine Mitarbeiterin, die nur einmal die Woche aushilft, ist die Frau eines Pastors. (Der, der öfters mit Herrn Obama speist) Als diese mitbekommen hat, dass ich ungläubig bin, hat sie mich versucht zu missionieren. Erst ganz heimlich durch die Hintertüre. Vorletztes Weihnachten, als sie meine Liebe fürs Theater und Kabarett ausgenutzt hat und mich in die Baptistengemeinde der Stadt einführen wollte. Ohne mir vorher Bescheid zu sagen, dass wir in eine Kirche gehen (eigentlich ist es ein altes Kino, aber Baptisten dürfen wohl in meiner Stadt nicht wählerisch sein) Zum Ende des weihnachtlichen, aber modernen Stückes, wurden amerikanische Kirchenlieder gegospelt – oder was Weiße für Gospel halten. Danach wurde mir auf den Zahn gefühlt, wo denn mein Mann sei, wie viele Kinder, aus welcher Gemeinde ich komme etc etc. Sie sind alle davon ausgegangen, dass ich eine Christin bin. Sie nehmen wohl gerne die gestrandeten Studenten in der Stadt auf. Ich soll doch unbedingt vorbeikommen. Was zur Hölle?
Der zweite Versuch ereignete sich dann im Büro – Grundsatzdiskussion zur Rolle der Frau und Kinder. Sie könne meine Einstellung nicht verstehen. Sie arbeitet doch nur zum Spaß bei uns. Ich meinem (astronomischen) Alter sollte ich dringend über Kinder nachdenken. Auf meine Antwort, dass ich a) keine Kinder wolle und mir b) sowieso keine Kinder leisten könne und c) Ehe für mich ein No-Go ist – brach dann die missionarische Hölle über mich herein.

Soviel zu persönlichen Erfahrungen im nahen Umfeld. Es wirft aus keiner Sicht ein gutes Licht auf religiöse Gemeinschaften dieser Art. Auf Homosexualität und Abtreibung gehe ich jetzt mal nicht ein, sonst werde ich nie fertig.

Was hilft gegen diese Art von Übergriffen in meine Privatsphäre? Soll ich lügen und mich als Katholik ausgeben und sie mir mit den Worten: „Früher hätten wir euch auf dem Scheiterhaufen verbrannt“ ängstigen?
Ich will wirklich keine Menschen und seiner religiösen Ansicht im Wege stehen – aber bitte macht das mit euch aus und belästigt nicht andere Leute damit.

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